„Wir glauben nicht an Gott, weil wir ihn brauchen, sondern weil er uns liebt“, Kardinal Gerhard Ludwig Müller

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Meditation zum Karsamstag 2020

In unserem üblichen liturgischen Tun wird der Karsamstag sehr oft übersehen, da normalerweise nur an diesem Tag keine Eucharistiefeiern stattfinden dürfen. Mag der Karsamstag ohne diese liturgische Feier sein, so ist er aber nicht losgelöst vom liturgischen Tun der Kirche. (hier als pdf) (hier als Audio)

 

Foto: Bernhard Elsner

Natürlich, in vielen Kirchen – so auch in unserer in Riesa – sind sogenannte „Heilige Gräber“ aufgestellt, die uns einladen, das Geheimnis des Leidens und Sterbens Jesu zu vertiefen und zu bedenken.

In diesem Jahr scheint der Karsamstag mehr als sonst ein Sinnbild für unser Leben als Kirche und als Christen zu sein.

Noch mehr als in den vergangenen Jahren täte es uns gut, diesen Tag in seiner Bedeutung zu bedenken und uns auf die so ganz eigene Botschaft dieses Tages einzulassen.

Die Heilige Woche und das Osterfest 2020, ja überhaupt die letzten Wochen erscheinen wohl vielen Getauften in diesem Jahr wie ein langer Karsamstag.

Eine große Stille hat sich um uns gebreitet. Vom Jubel des vergangenen Palmsonntags über die Klagestille des Karfreitags bis wohl auch zum österlichen Halleluja, alles ist mit einer unwirklichen, geradezu verschämten Ruhe umhüllt.

Das Geheimnis des Karsamstags lädt uns zu drei Betrachtungen ein, die uns durch diese lange Zeit der liturgischen Stille leiten können.

  1. Der Herr ist also wirklich tot?

Der Karfreitag versetzt uns in seiner Liturgie gewissermaßen zunächst einen Schock: „Die töten den Herrn!“

Nach seiner ungerechten Verurteilung, seinem Gefoltert werden und seinem Leiden folgt in brutalster Weise nur noch der Tod und das Dunkel des Grabes.

Der Karsamstag konfrontiert uns mit dieser zunächst endgültigen Brutalität: „Der Herr ist tot, er ist wirklich gestorben.“

Und so versetzt uns dieser Tag als Menschen, die wir den Namen Christ tragen und auf ihn getauft sind mit hinein in diese endgültige Grausamkeit: Der Tod umfängt mich. Ob ich auch in dieser Welt lebe, ich bin vom Tod umschlungen.

Wenn wir als Christen im Credo bekennen, das Christus in das Reich das Todes hinabgestiegen ist, dann ist das auch ein Selbstbekenntnis über uns Menschen.

Die Karwoche 2020 streicht diesen Fakt wohl deutlicher als sonst heraus.

  1. Ist der Stein vor dem Grab doch schwerer als gedacht?

In der Passion nach Johannes wird berichtet, dass man Jesus nach seinem Sterben in ein neues Felsengrab gelegt hat. Der Stein wird vor das Grab gelegt, das Grab verschlossen.

In diesen Tagen erleben wir alle es in unserem Leben sehr drastisch.

  • Wir werden „eingeschlossen“…
  • Länder, ja Kontinente schotten sich aus Angst voneinander ab
  • Infizierte Menschen werden in Quarantäne gestellt und wir alle werden von den politischen Verantwortungsträgern animiert, in den Begrenzungen unserer eigenen vier Wände zu bleiben.

Die Enge, die uns aus Gründen des Lebensschutzes aufgezwungen wird, kann ein weiterer Aspekt dieses „verlängerten“ Karsamstags sein. Sie steht aber unserer ureigensten Berufung zur Freiheit entgegen.

Die Paradoxie des verschlossenen Grabes, ja des Todes selbst besteht doch darin, dass er uns grundlegend begrenzt, nicht frei sein lässt.

Dabei sagt Gott uns diese Freiheit von Beginn an zu. In unserer Kreatürlichkeit, in der Tatsache, dass Gott uns als sein Ebenbild geschaffen hat – darin ist uns eine nicht zu steigernde Freiheit gegeben. Gott sagt in unserem Geschaffen-Werden zu uns: „Du sollst leben!“.

„Du sollst leben! – du sollst leben, weil du bist wie ich!“ – das ist doch unser Grundstein, auf dem das Haus unseres Lebens errichtet ist. Das gilt nicht nur für mich, sondern für alle Menschen. Die Freiheit von uns Menschen, ja unsere Würde besteht im Tiefsten darin, dass uns

Gott das Leben gibt.

Diese Freiheit, diese Würde steht dem Gefangensein im Tod entgegen. Der Stein des Grabes ist der Gegenspieler unserer Freiheit.

Wenn uns in diesen Tagen, Wochen und Monaten unsere äußere Freiheit genommen wird, dann macht uns dieser lange Karsamstag schmerzlich bewusst, aus welchen kleinen Steinchen unsere Grabesstein zusammengefügt ist. Was trennt mich von Gott…Was (außer das Corona-Virus) trennt mich von meinem Mitmenschen, von meiner Umwelt, von der Schönheit der Schöpfung?

Oder fragt der Karsamstag 2020 noch drastischer…Was verschließt mir den Blick auf mein Fundament „Du sollst leben!“ – was hindert mich daran zu sagen: „Ja, ich will das, ich will leben!“?

III. Überdauert die Gemeinschaft mit Christus doch das Grab?

„Du sollst leben!“ – wenn es wahr ist, dass dieses Wort des Vaters unser Fundament, unsere Lebensgrundlage ist, dann kann es doch nicht vor dem Stein des Grabes kapitulieren?

Der, dessen Grabesruhe wir an Karsamstag feiern ist doch nach dem Evangelisten Johannes DAS Wort des Vaters. ER ist doch in Person dieses göttliche Wort: „Du sollst leben!“, oder?

Fügt der Vater nicht im Geschick Jesu von Nazareth Gott der Vater hinzu: „Ja! Ein für alle Mal sollst du leben!“?

„Du sollst leben – ein für alle Mal!“. Bist du, bin ich auch vom Tod, vom Dunkel des Grabes umfangen, so ist dies das Wort, das eine Wort, das bis zum Ende gilt, weil es sich in Jesus von Nazareth bündelt und vergegenwärtigt…Ist dem so?

  • Wird diese Heilige Woche, der Karsamstag und das Osterfest 2020 womöglich zum großen Ernstfall dieses Glaubens?
  • Wird diese Heilige Woche, der Karsamstag und das Osterfest 2020 womöglich zum großen Ernstfall dieser Hoffnung?
  • Wird diese Heilige Woche, der Karsamstag und das Osterfest 2020 womöglich zum großen Ernstfall dieser Liebe?

Der Apostel Paulus schenkt uns vielleicht die treffendsten Worte für das diesjährige Ostern:

„Jesus Christus hat uns gerettet, mit einem heiligen Ruf hat er uns gerufen(…)Er hat den Tod vernichtet und uns das Licht des unvergänglichen Lebens gebracht.“ (2Tim 1,9.10)

Ob das auch dieses Jahr unser österliches Bekenntnis werden kann, muss sich zeigen…

Matthias Demmich Gemeindereferent