"Wenn Sie in die Welt hineinschauen, sehen Sie keinen Himmel, aber Sie sehen überall die Spuren Gottes." Benedikt XVI.

Chronik der Kapelle St. Pius in Glaubitz

Nach Aufzeichnungen von Frau Krauter, zusammengestellt von Jakob Herz

Die Anfänge eines katholischen Gemeindelebens im Territorium der Ortschaften Zeithain, Glaubitz, Nünchritz, Merschwitz gehen auf das Jahr 1944 zurück.

Damals übernahm Kaplan Mieth aus der Pfarrei Riesa die Seelsorge für die wenigen in diesem Territorium wohnhaften Katholiken. Gottesdienst wurde zu dieser Zeit in der Gaststätte Rentsch (Gesellschaftshaus in Nünchritz) gefeiert. Die Entfernung zwischen Riesa und Nünchritz musste, wie bei den Diasporaseelsorgern damals üblich, mit dem Fahrrad, in späteren Zeiten auch mit einem altersschwachen Leichtmotorrad bewältigt werden. Ein PKW stand erst in den 60-er Jahren zur Verfügung. Im Zuge der durch den Ausgang des 2. Weltkrieges bedingten Umsiedlungsströme aus Schlesien, Ungarn und dem Sudetenland wuchs die Gemeinde in den Jahren 1946/1947 stark an. Noch heute stellen die damaligen Umsiedler und ihre Nachkommen einen erheblichen Anteil der Gemeindemitglieder.

Zu Beginn der 50-er Jahre war der staatliche Druck auf die christlichen Kirchen in der ehemaligen DDR sehr stark und so verlor die Gemeinde mit der Verstaatlichung des Gesellschaftshauses ihren Gottes­dienstraum. Guter Rat war teuer. Da bot sich auf dem Grundstück der Familie Mertens in Glaubitz (ehem. Glasfabrik Lamberts) im Schlossereigebäude eine Ersatzlösung an.

Während zwischenzeitlich, dank dem Entgegenkommen unserer evangelischen Schwestern und Brüder, die heilige Messe in den Gotteshäusern von Glaubitz und Zeithain gefeiert werden konnte, begannen nach einer von vielen Helfern getragenen Entrümpelungsaktion im Jahre 1954 die eigentlichen Bauarbeiten.

Die im Baufach versierten Gemeindemitglieder Alfred Gebureck, Thomas, Erwin und Günther Jelitte schafften nach ihrer Arbeitszeit und an den Wochenenden, der arbeitsfreie Sonnabend war noch nicht erfunden, auf der Baustelle. Als Handlanger der Profis empfahlen sich neben anderen insbesondere Fräulein Finster und das Ehepaar Mertens. So entstand als erstes ein kleiner Raum, in dem noch während der laufenden Bauarbeiten die heilige Messe gefeiert werden konnte. Der heutige Altarraum entstand zusätzlich auf Vorschlag von Fräulein Finster. Seine Errichtung ohne behördliche Baugenehmigung wurde zwar mit 300 Mark Strafe geahndet, ein Abriss konnte jedoch vermieden werden.

Die Einweihung der Kapelle in ihrer ursprünglichen Form erfolgte am Ostermontag im April des Jahres 1957 durch Pfarrer Kretschmar aus Riesa, Pfarrer Dinter aus Pulsen und Kaplan Mieth. Die Einrichtung der Kapelle war denkbar einfach und entsprach der Situation einer Diasporagemeinde in dieser Zeit und in diesem Lande.

Der Fußboden war aus Ziegelsteinen gefügt, als Sitzgelegenheiten dienten einfache Bänke ohne Lehne und einige Stühle aus Privatbeständen, die Lampenschirme waren aus Weißblechdosen geformt, ein Kanonenofen bemühte sich im Winter um etwas Wärme, ein altes Harmonium begleitete den Gemeindege­sang. Aber es gab auch schon die heute noch vorhandenen bunten bleigefassten Fenster, die dem Raum trotz der spartanischen Einfachheit einen würdigen Rahmen verliehen.

Aus dem Kreis der aktiven Gemeindemitglieder in den Jahren des Aufbaus und den Folgejahren seien stellvertretend genannt:

+         Das Ehepaar Mertens. Herr Mertens als Helfer und Mitgestalter im Gottesdienst, auch engagiert beim Unterricht der Kinder und den Jugendstunden. Darüber hinaus auch stets hilfsbereit in den Anliegen und Nöten der Gemeindemitglieder. Frau Mertens sorgte für Ordnung und Blumenschmuck in der Kapelle.

+                       Fräulein Navroth wirkte bis zu ihrem Tod 1965 als Seelsorgshelferin und bereitete die Kinder auf die erste hl. Kommunion vor.

+                       Familie Höbelt (Umsiedler aus dem Sudetenland) stellten ihre künstlerischen Talente der Gemeinde zur Verfügung. Herrn Hobelt gestaltete Altarbilder für die Gottesdienste im Gesellschaftshaus. Ihm verdankt die Gemeinde die bunten Fenster im Kapellenraum und die ersten Raumleuchten. Frau Höbelt studierte verschiedene kleine kirchliche Theater­stücke ein. Beide erfreuten die Gemeinde mit Klavierspiel und Gesang bis zu ihrem Wegzug im Jahre 1958.

+                       Fräulein Stocklossa aus Pulsen kümmerte sich zeitweise um die kirchliche Jugendarbeit.

+                       Frau Hoim kümmerte sich um die Altarwäsche

Das Jahr 1965 brachte einschneidende Veränderungen im Leben der Gemeinde. In diesem Jahre verließ die Familie Mertens aus Altersgründen Glaubitz und übersiedelte zu ihren Kindern in der Bundesrepublik, nicht ohne zuvor die Nachfolge für die von ihnen verrichteten Dienste geregelt zu haben. So übergaben sie Haus und Kappellendienst zu treuen Händen an das Ehepaar Findeisen und die Sorge für Sauberkeit und Blumenschmuck in der Kapelle an Fräulein Finster, die in dieser Nachfolge bis vor kurzer Zeit tätig gewesen sind.                                                           

Etwa zeitgleich ging die geistliche Betreuung der Gemeinde in Glaubitz/Nünchritz erneut an die Pfarrei in Riesa über, nachdem zeitweise der inzwischen zum Pfarrer von Gröditz aufgestiegene ehemalige Kaplan Mith die Gemeinde von seinem Pfarrort aus verwaltet hatte.

Der Grund für diese Änderung in der Zuständigkeit war die Tatsache, daß im Zuge des Ausbaus der Stahlindustrie in der Region Riesa ein erneuter Zustrom von Spätaussiedlern aus Polen erfolgte und die Pfarrei in Riesa aus diesem Grunde zwei Kaplansstellen zugesprochen bekommen hatte. Der erste in Glaubitz neu tätig werdende Riesaer Kaplan war Kaplan Wittpohl.

Mit beispielloser Energie und manchmal auch kräftigem verbalen Temperament krempelte er Kapelle und Gemeinde um. So wurde der Eingang zur Kapelle versetzt, der Kapellenraum durch Umbau von Nebengelassen ver­größert, neue Kirchenbänke wurden angeschafft, der Altar der Liturgiereform angepaßt von der Wand gerückt. Ein Orgelpositiv wurde beschafft, auf dem fortan Fräulein Isolde Hofmann, die heutige Frau Förster, später Martina und Thomas Michelfeit die Gottesdienste musikalisch ausgestalteten.

Es war die große Zeit des Konzils und der Synoden. Die Dresdener Pastoralsynode war angesagt. Doch bevor diese noch ihre ersten Beschlüsse fassen konnte, besaß Glaubitz als erste Außenstelle der Riesaer Pfarrei zwei Diakonatshelfer. Herr Kindscherowski, einer von Ihnen, ist leider bereits vor mehreren Jahren heimgegangen. Ein Gemeinderat kümmerte sich um die Belange der Gemeinde ehe noch eine zentrale Satzung der Pfarrgemeinderäte alles in kirchenamtliche Formen goß. Die Handkommunion wurde eingeführt und Mädchen taten als Meßdienerinnen mit Selbstverständlichkeit ihren Dienst am Altar. Ein Kreis von Lektoren(innen) gestaltete die Gottesdienste mit.

Erinnerungen bestehen auch an das gemütliche Beisammensein von Kaplan Wittpohl mit den älteren Gemeindemitgliedern, die sogenannten "Altentage" Kaplan Wittpohl wirkte in Glaubitz bis zum Jahre 1970. Die Kastanie neben der Kapelle erinnert noch heute an seine Amtszeit.

Seine Nachfolge trat im Herbst dieses Jahres Kaplan Friedrich Wilhelm an. Mit seiner Amtszeit, die bis 1974 währte, wurde ein im nachhinein nicht mehr erreichter Höhepunkt des Gemeindelebens erreicht. Noch einmal wurden umfangreiche Bauarbeiten an und in der Kapelle durchgeführt. Für die infolge der Errichtung von Wohnungsneubauten in Nünchritz und Zeithain gewachsene Zahl von Gemeindemitglieder, allein ca. 40 Kinder, war der Raum erneut zu klein geworden. Der hintere Raum wurde mit einer Falt­schiebetür versehen, um das Raumangebot flexibel der Zahl der Gottesdienstbesucher anzupassen, die

Kirchenbänke mußten einer Bestuhlung weichen und befinden sich seit dieser Zeit in der Kirche in Strehla. Ein neuer Fußboden wurde verlegt, eine elektrische Raumheizung wurde installiert nachdem zuvor in mühevoller Schachtarbeit von Hand durch die Herren Findeisen und Kindscherrowski ein Starkstromanschluss gelegt worden war.Das Kapellendach wurde neu gedeckt.

Kaplan Wilhelm war ein begnadeter Seelsorger. In seiner stillen gütigen Art verstand er es Türen und Herzen zu öffnen und auch Menschen in seinen Bann zu ziehen, die vordem und z.T. auch hinterher keine besondere Bindung zur Gemeinde hatten.

Es war die Zeit, in der sich die Gemeinde zu Festen innerhalb und außerhalb des Kapellenraumes zusammenfand; in der Busfahrten zu Nachbargemeinden des Bistums aber auch nach Polen und in die CSSR organisiert wurden.

Es war die Zeit in der die Gemeinde eine Art Patenschaft für das Altersheim in Maxen übernahm, eine Patenschaft die über viele Jahre auch von den Gemeindemitgliedern in Riesa/Weida mitgetragen wurde, die leider aber die Wende nicht überlebte.

Es war die Zeit in der in jedem Jahr ca. 10 Kinder zur Erstkommunion geführt werden konnten; in der zum ersten und vorerst auch letztem Male ein Bischof die Kapelle in Glaubitz besuchte. Selbst ein guter Trompeter, gründete er eine Blaskapelle in der Riesaer Gemeinde mit einer Reihe von Glaubitzern als Rückgrad, die viele Jahre die Gottesdienste zu Ostern und Weihnachten in Riesa und Glaubitz festlich gestaltete und auch manch Riesaer Gemeindeveranstaltung den musikalischen Pfiff gab.

Auch nach seinem Weggang aus Glaubitz riß die Verbindung zu Kaplan und später Pfarrer Wilhelm niemals ab. Einzelne und Gruppen besuchten ihn in seinen weiteren Wirkungsbereichen in Kipsdorf und Wurzbach. Umso erschütterter versammelten sich viele Gemeindemitglieder am 3. April 1981 in seiner Heimatstadt Zwickau um das Grab des Frühvollendeten (44 Jahre).

Auf Kaplan Wilhelm folgte als erster in einer Reihe von Neupriestern Kaplan Seibt. Seine Amtszeit währte ziehmlich genau drei Jahre. Der Tabernakel in seiner jetzigen Form erinnert an sein Wirken in Glaubitz.

1977 wurde Kaplan Seibt durch Kaplan Liebe abgelöst. In die Zeit seines Wirkens fällt die Neugestaltung der Glaubitzer Altarwand und des unter Verwendung des alten Corpus neugestalteten typischen Glaubitzer Kreuzes. Auch Kaplan Liebe hatte einen guten Kontakt zur Gemeinde. Die Tradition der Gemeindefeiern zu Fasching und zum Advent sowie die jährlichen Ausfahrten zu Nachbargemeinden wurde von ihm ebenso fortgeführt wie vordem unter Kaplan Seibt. Am 26.04.1981 nahm er seinen Abschied von Glaubitz.

Der dritte und letzte im Bunde der Neupriester war Kaplan Reichel. Als Sohn des Erzgebirges, begabt mit einem frohmachenden Humor, war er nach Kaplan Wilhelm wohl der beliebteste der "Glaubitzer" Kapläne. Davon zeugt der gute Kontakt, der ihn auch heute noch, 12 Jahre nach seinem Weggang aus der Pfarrei Riesa und inzwischen wohlbestallter Pfarrer von Grimma mit einzelnen Gemeindemitgliedern verbindet.

Auf ihn folgte 1984 Pfarrer Kuhnigk. Pfarrer Kuhnigk hatte aus gesundheitlichen Gründen seine Pfarrstelle in Schmölln aufgeben müssen und die zweite Kaplanstelle in Riesa übernommen. Trotz seiner gesund­heitlichen Probleme versah er seinen Dienst am Altar und in der Gemeinde. Vermutlich bedingt durch die Beschwernisse der Krankheit fand er nur schwer den Kontakt zu den Gemeindemitgliedern. Der Gemein­derat löste sich auf, die Ausfahrten wurden eingestellt, die Feste spärlicher. Erwähnt werden sollte in jedem Falle sein Engagement für die Kinder und insbesondere die Messdiener in der Pfarrei Riesa. Mit seinem Abschied 1990 und seiner Übersiedlung in ein kirchliches Seniorenheim endet die Serie einer zweiten Kaplanstelle in Riesa.

Fortan hatte der Riesaer Pfarrer nur noch einen Kaplan zur Verfügung und eine besondere personelle Zuordnung zur Außenstelle Glaubitz/Nünchritz war nicht mehr möglich. Pfarrer und Kaplan wechselten sich nunmehr beim sonntäglichen Gottesdienst ab.

Dies ist sicher einer der Gründe, dass das intensive Gemeindeleben der früheren Jahre keine Fortsetzung fand. Ein anderer ist sicher auch die sog. "Wende" mit ihren teils erfreulichen, teils unerfreulichen Folgeerscheinungen. Ein großer Teil der jüngeren Gemeindemitglieder, die einmal den Staffelstab hätten aufnehmen können, verließ auf der Suche nach Arbeit die Heimat und siedelte in die alten Bundesländer über. Die gestiegene individuelle Mobilität fördert nicht in jedem Falle den Gemeinschaftssinn und

manchmal machen auch soziale und politische Spannungen vor der Kirchentüre nicht halt.

In dieser Situation wirkte ab 1991 zunächst Kaplan Bertels und nach seinem Weggang Kaplan Büchner. Letzterer gewann wohl auch aufgrund seiner fröhlichen ungezwungenen Art viele Fans insbesondere auch unter den Jugendlichen in der Pfarrei. Im Gedächtnis bleiben werden seine unkonventionellen Predigten und seine weithin schallende "Lache". In die Zeit seiner Tätigkeit in Glaubitz fällt auch der Weggang des langjährigen Riesaer Pfarrers Johannes Klante (1976 -1993), den stets eine besondere Zuneigung mit der Gemeinde in Glaubitz verband.

Als Kaplan Büchner die Kaplanstelle in der Hofkirche (Kathedrale) in Dresden übernehmen musste, folgte ihm bis zu seinem Ausscheiden aus dem Amt im Jahre 1996 Kaplan Surek. Zusammen und im Wechsel mit dem neuen Pfarrer Winter mühte er sich um die Gemeinde. Seit wenigen Tagen hat die Pfarrei in Riesa wieder einen neuen Kaplan. Aber ob und in welcher Weise die Personalnot des Bistums insgesamt auf Dauer einen Kaplan für Riesa zulässt bleibt abzuwarten. So wird es nicht ausbleiben können, daß die Gemeindemitglieder in der Tradition der Gründergeneration vor 40 Jahren zusätzliche Dienste für ihre Mitschwestern und Brüder übernehmen. Die Fortführung des Reinigungsdienstes, der aus der Not geborene wechselnde Küsterdienst und die Wiedergeburt einer Art von Gemeinderat, an dem sich auch "zugezogene" Gemeindemitglieder beteiligen, lassen für die Zukunft eines katholischen Gemeindelebens auch über den 40. Jahrestag hinaus hoffen.

Nünchritz, 15.01.1997