„Wir glauben nicht an Gott, weil wir ihn brauchen, sondern weil er uns liebt“, Kardinal Gerhard Ludwig Müller

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Predigt von Gemeidereferent Demmich zum fünften Sonntag der österlichen Bußzeit 2020

Predigt zum fünften Sonntag der österlichen Bußzeit 2020 (hier auch als pdf)  Andacht auf Riesa-TV    MP4-Download 176 MB

Ez 37,12b-14;Ps 130,1-2.3-4.5-6.7-8;Röm 8,8-11;Joh 11,1-45

Liebe Schwestern, liebe Brüder,

Wir stehen in der Werktagskapelle unserer Kirche, in der noch die Ausstellung über unsere Gemeinde-Geschichte zu sehen ist, die wir anlässlich des 100. Kirchweihfestes aufgebaut hatten. Dieses Fest wollten wir vor zwei Wochen feiern, als das Virus uns allen einen Strich durch die Rechnung machte. Gefühlt von einem Moment zum anderen war alles anders.

Liebe Schwestern, liebe Brüder, ein altes Lied bringt diese Erfahrung, die wir alle in ganz unterschiedlichen Facetten gerade machen müssen auf den Punkt: „Mitten wir im Leben sind mit dem Tod umfangen“ . Dieser Gesang geht auf Martin Luther zurück und wird auch im katholischen Nachtgebet häufig gesungen.
Auch wenn wir den Gedanken daran ja gern verdrängen, so drückt er doch eine tiefe Wahrheit aus. Immer, ja ständig ist unser Leben angefragt und bedroht. Ob wir den Tag, den wir am Morgen beginnen, am Abend auch wieder beenden können – wir wissen es nicht. Wie das Leben eines neugeborenen Kindes verlaufen wird – keiner kann es sagen. Häufig, liebe Schwestern und Brüder leben wir so, als ob wir niemals sterben müssen. Auch ich bin da keine Ausnahme. Aber ist das klug? Papst Franziskus sagt pointiert: „Das führt nicht zur Weisheit! Es ist klug sich mit seinem (sicheren) Tod zu versöhnen“ . Der Passionssonntag sagt uns unter anderem das.
Gerade durch das Corona-Virus ist in diesen Wochen unsere alltägliche Zuversicht in unser Leben und unseren Alltag erschüttert. Vermutlich ist es neben der konkreten Angst vor dem Virus gerade diese Erschütterung und die Ungewissheit darüber, ob und wann wir wieder zur „Normalität“ zurückkehren können das so Belastende an der gegenwärtigen Situation.

Liebe Gemeinde, mitten zwischen den Ausstellungs-Tafeln ist eine Figur zu sehen, die wir als Pieta bezeichnen. Der am Kreuz zu Tode gefolterte Christus im Schoß seiner zermürbten Mutter Maria. Ein Bild des Schmerzes, welches aber seit Jahrhunderten vielen Christen Trost und Mut gegeben hat. Zunächst ein Paradox. Wie geht das zusammen? Wo kann ich hier Trost und Zuversicht finden?

Liebe Gemeinde, ich möchte sie ausgehend von dieser Frage an einigen Erfahrungen teilhaben lassen, die ich in dieser Woche machen durfte.
Vor einigen Tagen erhielt ich eine Nachricht von einem Studenten aus unserer Pfarrei, die mich nachdenklich gestimmt hat. Er machte mich darauf aufmerksam, dass es neben der Corona-Epidemie ja immer noch so viele andere Krisenherde in unserer Welt gibt. Konkret brachte er die völlig inakzeptable Situation der Flüchtlinge auf den griechischen Ägäis-Inseln ins Spiel, die trotz aller Herausforderungen, vor denen wir jetzt stehen, unter anderem auf unsere Hilfe und Solidarität angewiesen sind, nicht zuletzt, weil ihnen die Hilfe, die wir noch in Anspruch nehmen können, völlig verwehrt ist.

Mich stimmte diese Nachricht deshalb so nachdenklich. Denn der junge Mann hat keineswegs die Not der vielen in unserem Land relativiert oder übersehen. Dennoch besitz dieser junge Mann noch immer die Kraft, auch auf das Leid und die missliche Lage seiner Mitmenschen zu sehen. Ich fühlte mich sehr in meiner Lethargie ertappt. In einem, wenn auch stummen Selbstmitleid über meine persönliche „Lahmlegung“. Auf einmal fiel mir ein, dass es neben mir und meiner sicher etwas seltsamen und nicht schönen Situation noch den Anderen gibt, der wesentlich gefährdeter ist als ich. Könnte ich nicht doch etwas tun um anderen zu helfen?

Vielleicht ist das ja eine Wirkung dieser Epidemie, dass uns eine lebenswichtige Grundhaltung unseres Mensch-Seins neu bewusst wird: Solidarität.
In der Pieta-Darstellung lässt sich eine sehr grundlegende Solidarität erkennen. Die Liebe einer Mutter, die auch im Tod des eigenen Sohnes besteht. Gekreuzigte waren in der Regel schändlich zugerichtete Personen. Maria beugt sich mitten in ihrem Lebendig-Sein in diese hässliche Seite des Todes hinein. Ein Sprichwort sagt ja „Liebe ist dann wahrhaftig, wenn sie Leid überdauert“.

Liebe Schwestern, liebe Brüder. Gerade in diesen Tagen merken wir, wie lebenswichtig konkrete Solidarität, konkrete Zeichen der Zuneigung und Liebe sind, wenn sie nicht vor den brutalen Folgen dieser Epidemie zurückweichen. Wir brauchen, wenn wir die sozialen Kontakte vermeiden müssen, neue (oder besser: neu entdeckte) Zeichen der Zuneigung: ein Telefonat, einen Brief, eine liebe und aufbauende Nachricht. Und zum Mensch-Sein braucht es auch das Sich-Verschenken. Empfänglich bleibe ich für Solidarität und Zuneigung nur dann, wenn ich bereit bin, von mir, von meiner Zeit, von meinen Ressourcen etwas zu geben. Ich erfahre es gerade jetzt als für mich so heilsam, wenn ich auf die ein oder andere Art und Weise Menschen helfen und beistehen kann. Das was ich anderen tue, es tut auch mir gut.
Liebe Gemeinde, liebe Zuschauer, normalerweise halten wir vor Ostern zwei große Kollekten, die Menschen in ihrer konkreten Not unterstützen soll. Immer am heutigen fünften Fastensonntag ist die Kollekte für das bischöfliche Hilfswerk Misereor bestimmt, welches in diesem Jahr Menschen im Libanon und in Syrien unterstützt. Sicher brauche ich Sie nicht an das entsetzliche Leid in diesen vom Krieg zerstörten Länder zu erinnern. Und kommenden Sonntag, an Palmsonntag halten wir die Kollekte für die Christen im Heiligen Land, die es noch immer so schwer dort haben.

Ich bitte Sie herzlich, trotz der Umstände um ihre Kollekte für diese wichtigen Aktionen. Auf unserer Homepage finden Sie Hinweise, wie die Kollekte auch in diesen Zeiten möglich ist.

Liebe Gemeinde, in diesen ersten Tagen nach den verfügten Ausgangsbeschränkungen ist vielfach die Rede davon, dass es einer Perspektive braucht, wann das öffentliche Leben wieder „Fahrt aufnehmen“ kann.

Die Lesung aus dem Buch Ezechiel macht gerade am Passionssonntag eine große Perspektive auf. „So spricht Gott, der Herr: Ich öffne eure Gräber und hole euch, mein Volk, aus euren Gräbern herauf. Ich bringe euch zurück in das Land Israel.“  Es ist zunächst eine gespenstische Atmosphäre, die hier erzeugt wird. Aber es ist letztlich die Perspektive, dass es um mehr geht, als um makabre Effekte. Nein es geht darum, dass Gott den Menschen das Leben wiedergeben möchte, die jeden Mut verloren haben, ja die in Hoffnungslosigkeit versunken sind. Vielen von uns geht es doch derzeit so…“Mich erwischt es sowieso, es ist nur eine Frage der Zeit“…“Hat doch sowieso alles keinen Sinn“…“Jetzt ist es mit mir aus“…

Die Lesung für den heutigen Sonntag setzt dazu einen starken Kontrast. Ich hauche euch meinen Geist ein, dann werdet ihr lebendig, und ich bringe euch wieder in euer Land. Dann werdet ihr erkennen, dass ich der Herr bin. Ich habe gesprochen, und ich führe es aus - Spruch des Herrn. Gott sagt dem Volk Israel und auch uns allen zu, dass wir wiederbelebt werden – sprichwörtlich.

Wenn wir auf die Pieta-Darstellung schauen, dann liegt hierin vielleicht der Schlüssel zum Verständnis dafür, warum für viele Christen diese Darstellung so trostreich war und ist.

  • Es tut uns in diesen Tagen gut, wenn wir Zeichen der Solidarität erfahren, die nicht vor dem „Tödlichen“ kapitulieren. Und wir erfahren es womöglich als befreiend und stärkend, wenn wir selber etwas Gutes zu tun im Stande sind.
  • In zwei Wochen ist Ostern. So oder so. Mit Virus und ohne Virus. Ostern wird nicht abgesagt. Für Christen ist klar, dass es nicht bei der leidvollen Darstellung der Pieta allein bleibt, sondern dass der Stein des Grabes weggewälzt wird. Und so gilt gerade mitten in der Corona-Krise die Zusage, dass es Wiederbelebung geben kann und geben wird. Auch das Virus ist nicht letztendlich, auch wenn uns diese Zuversicht momentan noch schwerfallen mag.

Liebe Schwestern und Brüder, liebe Zuschauer. Ich wünsche uns und Ihnen allen diese Kraft und diese Zuversicht.