"Wer glaubt, ist nie allein – im Leben nicht und auch im Sterben nicht." Benedikt XVI.

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Von der Einschränkung zur Freiheit?!

4. Sonntag in der Osterzeit, Predigt von Michael H. Kreher · Johannes 10, 1-10  (Predigt hier als pdf)

Von der Einschränkung zur Freiheit

Evangelium

In jener Zeit sprach Jesus: Amen, amen, ich sage euch: Wer in den Schafstall nicht durch die Tür hineingeht, sondern anderswo einsteigt, der ist ein Dieb und ein Räuber.

Wer aber durch die Tür hineingeht, ist der Hirt der Schafe. Ihm öffnet der Türhüter und die Schafe hören auf seine Stimme; er ruft die Schafe, die ihm gehören, einzeln beim Namen und führt sie hinaus. Wenn er alle seine Schafe hinausgetrieben hat, geht er ihnen voraus und die Schafe folgen ihm; denn sie kennen seine Stimme. Einem Fremden aber werden sie nicht folgen, sondern sie werden vor ihm fliehen, weil sie die Stimme der Fremden nicht kennen. Dieses Gleichnis erzählte ihnen Jesus; aber sie verstanden nicht den Sinn dessen, was er ihnen gesagt hatte. Weiter sagte Jesus zu ihnen: Amen, amen, ich sage euch: Ich bin die Tür zu den Schafen. Alle, die vor mir kamen, sind Diebe und Räuber; aber die Schafe haben nicht auf sie gehört. Ich bin die Tür; wer durch mich hineingeht, wird gerettet werden; er wird ein- und ausgehen und Weide finden. 10 Der Dieb kommt nur, um zu stehlen, zu schlachten und zu vernichten; ich bin gekommen, damit sie das Leben haben und es in Fülle haben.

Predigt

Liebe Mitschafe!

Die Kirche feiert heute den sogenannten »Gute-Hirten-Sonntag«. Sofort fällt uns Psalm 23 ein: »Der Herr ist mein Hirt«; und wenn wir noch etwas länger überlegen, kommen wir sicher auch auf: »Ich bin der gute Hirte« (Joh 10,11). Andere prominente Ich-bin-Aussagen Jesu wären »Ich bin das Brot des Lebens« (Joh 6,35), »Ich bin das Licht der Welt« (Joh 8,12) und »Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben« (Joh 14,6). Im Evangelium aber haben wir heute gar nicht gehört, dass Jesus sich als guten Hirten bezeichnet. Überrascht? Vielleicht scrollen Sie gerade noch mal nach oben, wenn Sie den Text im Internet lesen… Tatsächlich steht im heutigen Predigttext die Aussage »Ich bin die Tür« (Joh 10,7).

Zugegeben, dieser Vergleich ist doch etwas befremdlich und weniger zugänglich als die o.g. Bildworte. Darum weiß auch der Bibeltext. Was die Einheitsübersetzung hier mit »Gleichnis« (Joh 10,6) übersetzt, meint eigentlich das griechische Wort für »Rätselrede«. Jesus gibt also den Umstehenden ein Rätsel auf. Wie bei jeder kniffligen Aufgabe, kommt man der Bedeutung näher, wenn man sich intensiver damit auseinandersetzt und einen persönlichen Bezug herstellt.

  1. Das Schaf: vom stummen Nachfolgen zum aktiven Entscheiden

Sich gerade jetzt, in dieser Situation hineinzuversetzen in ein Schaf, ist leicht. Ein Schaf, das in einem Stall eingesperrt und auf die Gunst des Hirten angewiesen ist, wann es die Einschränkung wieder verlassen darf. Diese Vorstellung wird um so unangenehmer, je böser ich mir den Hirten vorstelle. Wir wollen heute keine Schafe mehr sein, sondern lieber selbstbestimmte, majestätische Löwen, elegante Leoparden, oder ein anderes Wesen aus Gottes großem Tierreich.

Das Schaf steht hier aber nicht für stummes Nachfolgen, für unhinterfragtes Handeln, sondern für Vertrauen. Ob ich das Umgebensein von Beschränkungen als Isolation, als Gefängnis oder Schutz empfinde, wird maßgeblich davon abhängen, welches Verhältnis ich zum Hirten habe. Kann ich darauf vertrauen, dass er es gut mit mir meint? Dass er sich um mich sorgt. Dass ich nicht nur aus Kosten-Nutzen-Gründen nachts im Schafstall bin, sondern aus Verantwortungs­bewusstsein. Als Schaf habe ich nämlich sehr wohl eine Entscheidungsfreiheit und auch eine Verantwortung. Ich muss selber festlegen, wem ich folgen will. Vertrau ich dem Hirten, oder verfalle ich den anderen?

  1. Die Räuber und Diebe: von der Angst zum Bekenntnis

Ich erlebe gerade sehr oft, dass die Räuber und Diebe keineswegs nur von außen kommen. Vielmehr gibt es Menschen, die sich als Christen (sowie erschreckend oft auch als Theologen) bezeichnen und von ihren pseudotheologischen Spielwiesen in den Schafstall eindringen. Hier verkünden sie dann wortreich und bildgewaltig Corona als »Strafe Gottes«, die zur Umkehr führen muss. Oder es sei die Möglichkeit, die Gott der Kirche schenkt, damit sie sich wieder auf ihre Grundwerte konzentrieren könne. Dieser Lüge dürfen wir nicht glauben! Lassen wir uns nicht verführen! Haben wir lieber den Mut, das Virus als das zu bezeichnen, was es ist: etwas Böses, das in seiner heutigen aggressiven Form unter Einwirken der Menschen erschaffen wurde. Und zeigen wir nicht weniger Mut, indem wir trotz allem mit christlicher Hoffnung bekennen: »Ich glaube, dass Gott aus allem - auch aus dem Bösesten - Gutes entstehen lassen kann und will.« Erinnern wir uns daran, in welcher Situation Bonhoeffer das gesagt hat…

  1. Die Tür: von der Abtrennung zur Legitimitätskontrolle

Die einen von den anderen zu unterscheiden, kann sehr schwierig sein. Im Evangelium heißt es, die Räuber und Diebe werden über den Zaun eindringen, nur der wahre Hirte kommt durch die Tür, die Jesus ist. Auf den ersten Blick scheint eine Tür etwas Unscheinbares zu sein. Sie ist eben da und wir müssen da durch. Im Abschnitt des Evangeliums gewährleistet sie ebenfalls vor allem eine unproblematische und geregelte Handhabung der gewöhnlichen Versorgung und Pflege. Hilfreich sowohl für den Hirten wie auch für die Schafe. Gleichzeitig dient sie sicherheits-technischen Vorkehrungen, wird sie doch als der übliche Eingang zum offiziellen Ausweis für Rechtmäßigkeit und damit zum Indikator für Legalität und Verlässlichkeit.

Auf den zweiten Blick ist eine Tür viel mehr. Es ist eine Vorankündigung, was uns dahinter erwartet. Vergleichen Sie nur mal das mächtige Portal eines alten Bankgebäudes mit der unscheinbaren Tür eines Krämerladens. Oder den säulengeschmückten Eingang des Weißen Hauses mit einer normalen Wohnungstür. Die Tür macht uns bewusst, was uns dahinter erwartet und ist auch eine Vorbereitung. Vielleicht kennen Sie den Moment, wenn man vor der Tür noch mal tief durchatmet, bevor man eintritt. Beispielsweise vor einem Gespräch mit einem Anwalt kann ich mir das vorstellen. Wir wollen uns beruhigen, weil wir wissen, dass in den Räumen hinter dem Eingang harte Spielregeln herrschen. Und schließlich eröffnet uns die Tür überhaupt erst den Zugang zum Inneren. Ohne sie hätten wir nie eine Chance, dahin vorzudringen.

Wenn Jesus von sich sagt, er ist die Tür, dann meint er natürlich, dass er allein der Zugang zu dem Dahinter ist. Wir konnten aber auch sehen, dass er vielmehr noch definiert, was uns dahinter erwartet und welche Spielregeln dort herrschen. Den wahren Hirten werden wir also daran erkennen, dass er an Jesus nicht vorbeikommt. Er muss seinem Beispiel und seiner Lehre folgen. Er muss ganz durch ihn und mit ihm und in ihm geprägt sein. Und er muss sich an die »Spielregeln« des Schafstalls halten.

  1. Der Schafstall: von weltverhafteter Beschränkung zur überweltlichen Freiheit

Der Raum, der als Beschränkung erscheint, bietet uns eigentlich die maximale Freiheit. Wir wissen, dass die Einschränkungen, die mit dem Kontaktverbot einhergehen, eigentlich nur dazu dienen, unsere Gesundheit zu gewährleisten. Trotzdem verhalten wir uns oft wie ein Vogel, der im Widerstand der Luft fliegt und sich denkt: Ach wäre doch die Luft nicht, dann könnte ich noch viel schneller fliegen. Aber die Luft ist ja nicht nur Widerstand, sondern sie sorgt erst für die notwendige aerodynamische Strömung, die zum Fliegen führt. Wir müssen versuchen, - obwohl es sehr schwierig ist - die weltlichen Rahmenbedingungen so freizügig wie möglich anzunehmen, damit wir sie gestalten können.

Ich verstehe die Sehnsucht vieler Gläubiger nach einem Gottesdienst. Aber wer hat eigentlich behauptet, dass Gottesbegegnung nur in den hochheiligen vier Wänden unserer Kirchen­gebäude möglich ist? Wir dürfen gerade keine öffentlichen Hl. Messen feiern, aber es gibt kein Gottesdienstverbot! Jedem steht es frei, sich zuhause einen Raum zur Gottes­begegnung zu schaffen, einen eigenen Schafstall zu gestalten. Versuchen Sie dabei nicht eine Eucharistiefeier nachzuspielen, sondern gestalten Sie die Rahmenbedingungen so freizügig wie möglich. Finden Sie Ihre Art, ins Gespräch mit Gott zu kommen. Lesen Sie die Bibel. Das muss nicht bei Kerzenlicht im Froh-Herrgotts-Winkel geschehen. Warum nicht mal das Evangelium mit den Kindern zusammen als Guten-Nacht-Geschichte lesen und darüber reden? Kindermund tut Wahrheit kund. Auch hier wird der Herr da sein und vielleicht sogar lieber als beim Gotteslob in unseren Kirchen ohne Gesang, Sitznachbarn und Spendeformel und stattdessen mit Mundschutz, desinfizierten Händen und Sicherheitsabstand.

Als Hauptamtlicher, der an den Eucharistiefeiern im kleinen Kreis teilnehmen kann, ist es natürlich leicht, so zu reden. Meine Schwester ist mit ihren Kindern zuhause, der Mann in Kurzarbeit. Wir telefonieren oft und reden über ihre Sorgen. Werden wir finanziell um die Runden kommen? Wie lange? Wann dürfen die Kinder wieder in Schule und Kindergarten? Werden sie den Anschluss nicht verlieren? Wie soll ich meine Arbeit schaffen?

Trotzdem kann ich mir nicht mal ansatzweise ein Bild davon machen, wie es bei Ihnen Zuhause läuft, ob und wie Sie Glauben leben, oder ob die ganz alltäglichen Sorgen dafür viel zu groß sind. Ich kann und will Ihnen keine Ratschläge geben, aber wenn Sie reden wollen, hören wir gern zu und bemühen uns zu helfen. Und so hoffe ich, dass Sie gute Möglichkeiten gefunden haben, mit Gott im Gespräch zu bleiben und er Ihnen spürbar nahe ist mit seinem Segen, seiner Güte und seinem Trost, seiner Hoffnung und Liebe. Bleiben Sie kreativ in Ihrer Art, Gottesdienst zu feiern und seien Sie gewiss, Gott weiß um uns. Er kann und will aus allem Gutes entstehen lassen.

- Amen.